Nachbarn ärgern oder mit Respekt behandeln

Nachbarn aergern google

Auf der Suche nach einem Bild zum Thema Nachbarn entdecke ich auffällig viele Bilder mit einer Aussage über Lärmbelästigung. Das macht mich neugierig und ich möchte mit Google eine Statistik finden. Ich habe den Suchbegriff "Nachbarn" gerade ausgeschrieben, da schlägt Google mir "Nachbarn ärgern" als Suchbegriff vor. Meine Neugierde war geweckt. Falls Sie Ihren Nachbarn lieber nicht ärgern wollen, lesen Sie ruhig weiter. Besonders wenn Sie sich eine friedliche Nachbarschaft, möglicherweise sogar gegenseitige Nachbarschaftshilfe wünschen.


Das Paradox Nachbarschaft

Kaum jemand kann sie sich aussuchen, doch sie sind uns näher als die meisten anderen Menschen. Nur durch eine Wand oder einen Zaun getrennt sind sie dauernd da. Das macht sie so nervig oder wertvoll. Der amerikanische Soziologe Robert Putnam beschreibt Nachbarn als soziales Kapital. Wer etwas davon besitzt lebe länger und glücklicher. Doch sie sind auch soziale Kontrolle "Was sollen denn nur die Nachbarn denken?" Manchmal bekommen sie einen Schlüssel und versorgen Pflanzen, Tiere, sogar unsere Kinder. Das Idealbild vom guten Nachbarn: Man kennt sich, man hilft sich und passt auf.

"Die Nachbarschaftsgrenze sei eine ganz besondere Grenze, deshalb eskaliere der Streit unter Nachbarn so leicht", meint Jan Philipp Reemtsma, der Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Sie ähnele nämlich der Körpergrenze: "Die Wohnung wird körperähnlich wahrgenommen, wie jeder weiß, bei dem einmal eingebrochen worden ist. Die Reaktionen auf Einbrüche sind stets dieselben: Verstörtheit, Hilflosigkeit, Scham, Ekel bis hin zum Bedürfnis, zuallererst den Körper zu waschen." Verletzt der Nachbar diese Grenze, berührt uns das körperlich und ein Streit eskaliert.

Gute Nachbarn

Nachbarn ärgern oder gute Nachbarschaft. Jeder kann das für sich entscheiden.

Zwei Nachbarn plaudern am Zaun. Ein Beispiel für gute Nachbarschaft. (c) Fotolia koldunova_anna

Das Idealbild "Gute Nachbarn helfen sich gegenseitig, passen aufeinander auf und feiern zusammen" soll aus der Zeit der Arbeitervierteln in den 1950er und 1960er Jahren stammen. In der Folge von Katastrophen haben gute Nachbarn bessere Überlebenschancen. Sie sind die Ersten, die vor Ort sind und kennen sich aus. Es wurde beobachtet, dass beim Tsunami 2011 in jenen Kommunen, in denen sich die Nachbarn vertrauten, deutlich weniger Menschen umkamen. Und unter den Anwohnern, die aufgrund der Reaktorkatastrophe in Fukushima evakuiert werden mussten, litten diejenigen weniger unter seelischen Problemen, die gute Nachbarn hatten. "Die beste Katastrophenvorsorge wäre, nicht nur in Deiche zu investieren – sondern in gute Nachbarschaft."

Ärgern oder nicht - wir können wählen

Ob wir uns ärgern, wird von unseren eigenen Erwartungen und unserer Situation beeinflusst. Als Kinder haben wir gelernt, dass zwischen 12:00 und 15:00 Uhr Mittagsruhe sei. Wir erwarten also, dass in dieser Zeit Lärm vermieden wird. DAnn mäht der Nachbar ausgerechnet um 14:00 seinen Rasen. Das können wir als Regelbruch empfinden und ärgern uns. Entscheidend ist der Betrachtungswinkel auf die Situation. Genau genommen ärgert nicht der Nachbar uns, sondern wir ärgern uns über den Nachbarn. Wir empfinden die Situation vielleicht als rücksichtslos, vielleicht als Regelverstoß oder gar als Provokation. All das passiert in uns und hängt von der eigenen Tagesform ab. Unsere momentane Stimmung beeinflusst die aktuelle Bewertung der Situation. Verantwortlich sind unsere Hormone.

Also was tun? Unseren Konflikt ignorieren und auf Besserung hoffen? Oder aktiv werden und den Nachbarn ansprechen? Oder das Verhalten jemandem melden (Vermieter, Polizei) damit die sich darum kümmern?

Hormone steuern Ärger und Freude

Physiologisch betrachtet schütten wir bei Ärger Stresshormone aus. Als Bild eigent sich hier ein Glas, dass wir mit den Hormonen füllen. Bei jedem Ärger produziert unser Körper ein paar Hormönchen, und sobald wenn wir uns entspannen, sinkt der Pegel wieder. Doch wehe, wir erreichen einen kritischen Level. Dann übernimmt unser Stammhirn, auch „Reptiliengehirn“ genannt und steuert überlebenswichtige Reflexe. Lähmung, Flucht oder Kampf sind die Alternativen, die uns noch zur Verfügung stehen, wenn das „Reptiliengehirn" übernimmt. Dabei schwindet das normale Denkvermögen - eine respektvolle Reaktion auf die Ursache von Ärger ist in diesem Zustand schwer bis unmöglich.

Wunsch oder Bitte

Das Thema Lärm ist jetzt ein ungelöster Konflikt, mindestens einseitig, denn möglicherweise ist der Nachbar sich seiner Wirkung noch gar nicht bewusst. Es gibt verschiedene erprobte Strategien für ein Gespräch in Konflikten. Grundsätzlich sind Menschen soziale Wesen und möchten anderen Menschen helfen oder deren Wünsche erfüllen. Lediglich Soziopathen und Psychopaten bilden hier eine Ausnahme, doch davon gibt es zum Glück in der Statistik weit weniger, als lärmende Nachbarn. Die Chance auf eine Einigung mit dem Nachbarn steht also generell erst einmal gut. Es gilt jetzt, das Gespräch zu suchen und die richtigen Worte zu finden. Hilfreich ist in einer konfliktträchtigen Situation stets eine präzise Beschreibung der Ereignisse: 

"Herr Müller, sie haben gestern gegen 14:00 Uhr Ihren Rasen gemäht.“ 

kombiniert mit dem eigenen Erleben der Situation:

"Ich wollte zu dieser Zeit Mittagsschlaf halten, weil ich am Abend eine lange Autofahrt vor mir hatte. Bei dem Geräuschpegel von Ihrem Rasenmäher konnte ich das allerdings nicht."

Obwohl die Formulierung hier bewusst darauf verzichtet, hört unser Gesprächspartner jetzt möglicherweise Angriffe oder Vorwürfe. An dieser Stelle hilft Geduld und Übung. Erst wenn die Verständigung gelingt, können wir eine Bitte formulieren: 

"Sie könnten mir sehr helfen, indem Sie Ihren Rasen künftig erst nach 15:00 mähen." 

Die Fähigkeit, in konfliktreichen Situationen eine verbindende, lösungsorientierte und wertschätzende Haltung und Kommunikation einnehmen zu können, lässt sich durch gezieltes Training verbessern. So können wir die Beziehungen zu unseren Nachbarn positiv beeinflussen und belastende Störungen selber in die Hand nehmen.

Vorschrift oder Befehl

Wir könnten auch eine "Machtentscheidung" herbeiführen und versuchen die Lärmquelle selber zu verbieten oder durch Dritte verbieten zu lassen. Dieser Weg kennt nur Verlierer. So kann daraus die erste Schlacht in einem langen Nachbarschaftskrieg werden.

Variante A

Sie gewinnen und jemand (Vermieter, Richter, …) verbietet Ihrem Nachbarn weiteren Lärm zur Mittagszeit. Ihr Nachbar hat verloren. Allerdings verlieren Menschen nur ungern. Im Sport bitten wir regelmäßig um eine Revanche. Und im realen Leben, wie fühlt sich das an? Der Nachbar könnte jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit auf die passende Gelegenheit für eine Retourkutsche warten.

Variante B

Der Nachbar bekommt Recht, sie haben verloren und Ihr Problem bleibt auch noch ungelöst. Wer zur Miete wohnt, kann vielleicht noch umziehen. Immerhin besteht auf dem Weg der Mediation auch jetzt noch eine gute Chance zu einer Einigung mit zwei Siegern.

P.S.: Rechtslage Mittagsruhe

Generell ist die Mittagsruhe Ländersache. In Berlin und Nordrhein-Westfalen gibt es hierzu keine gesetzliche Regelung. Teilweise ist die Mittagsruhe dennoch kommunal oder im Mietvertrag geregelt.

Quellen

 Zuletzt abgerufen 4. Oktboder 2017:


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